Ehrentag für Heinz Drossel am 17. September 2023 in Simonswald

Mehr Informationen zu Heinz Drossel finden Sie hier.

Zur Person

Im 2. Weltkrieg unter der Herrschaft der Nationalsozialisten rettete Heinz Drossel mehreren Menschen, „gegnerischen“ Soldaten und untergetauchten Juden, das Leben. Seit 1988 lebte er in Simonswald. Dort und in ganz Deutschland erzählte er vielen Menschen, vor allem Schülerinnen und Schülern, von seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Rettungstaten.

Die Gemeinde Simonswald ehrte ihn am 17. September 2023 auf einer Veranstaltung im Kulturhaus.

Zur Langfassung des Films zum Ehrentag: Heinz-Drossel-Ehrentag, 49 Minuten

Der Ehrentag

Es war 10.00 Uhr als Bürgermeister Stephan Schonefeld die Tafel zu Ehren von Heinz Drossel an dessen Wohnhaus in der Talstraße enthüllte. Heinz Drossel lebte von 1988 bis zu seinem Tod im April 2008 in Simonswald und war dort der Bevölkerung als „Opa Heinz“ gut bekannt.

Die Veranstaltung zu seinen Ehren begann um 11 Uhr. Nach der Eröffnung durch den Bürgermeister, in der dieser deutlich machte, wie wichtig Persönlichkeiten wie Heinz Drossel im Kampf gegen den aufkommenden Rechtsextremismus der AfD und anderer Gruppierungen sei, führte Siegfried Weis in die Veranstaltung ein. Dabei verdeutlichte er den Bezug Heinz Drossels zu Simonswald, dieser war eben „Einer von uns“, so erläuterte er das Motto der Ehrung den Simonswäldern und den anderen Gästen.

Prof. Dr. Wolfram Wette ging daraufhin in seinem Vortrag auf den Judenretter und Retter in Uniform ein. Er zeigte auf, wie Heinz Drossel seine Handlungsspielräume genutzt hatte, und stellte ebenfalls fest, wie schwer es für diesen und seine Frau gewesen war, in der Bundesrepublik zu leben. Denn erst spät überwand sich Heinz Drossel dazu, seine Rettungstaten öffentlich zu machen. Sein Buch, Die Zeit der Füchse, wurde zunächst nicht wahrgenommen und erst nach Auszeichnungen durch Israel (Gerechter unter den Völkern) und durch die BRD (Bundesverdienstkreuz) im Jahr 2000 hatte Herr Wette ihn „überredet“ vor allem vor Schülerinnen und Schülern zu sprechen. Dass ihn auch die Simonswälder anders sahen, dafür sorgte der Besuch von Bundespräsident Johannes Rau zu Heinz Drossels 95. Geburtstag.

Nach diesem eindrucksvollen Vortrag verdeutlichte ich (Weissberger) anhand von markanten Filmbeispielen (zum Vortrag: Gelebte Zivilcourage), wie Heinz Drossel Zivilcourage lebte. So im Gepräch mit Arno Lustiger (2002), als er betonte, dass es selbstverständlich sei, anderen auch unter großen Risiken zu helfen. Dass dazu Mitgefühl gehöre, sah man an seiner Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis im Vernichtungskrieg: Die Ermordung eines jüdischen Kindes bei einem Massaker an Juden – er hatte alles mitansehen müssen. Die Rettung von russischen Kriegsgefangenen vor der inszenierten „Erschießung auf der Flucht“ verdeutlicht sein tätiges Mitgefühl, – ebenso die Rettung seiner späteren Frau, einer verzweifelten Jüdin, und von anderen Menschen wie vier untergetauchten Juden in Berlin. In der Zusammenarbeit mit dem Geschichtsprojekt am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch drehte er mehrere Filme und trat deutlich gegen die NS-Propagandabilder im Waldkircher Rathaus auf. Dabei unterstützte er den damaligen Bürgermeister und den Jugendgemeinderat gegen eine Mehrheit im Gemeinderat. Ich betonte, dass er uns für heute eine klare Aufgabe hinterlassen habe, den Kampf gegen Ignoranz, Geschichtsvergessenheit und Rechtsextremismus.

Im abschließenden Vortrag bezeichnete Ralph Bernhard, ehemaliger Richter am Landgericht Freiburg, Heinz Drossel als einen „Gerechten unter den Richtern“. Denn im Gegensatz zu vielen damaligen Kollegen habe Heinz Drossel auch als Präsident des Sozialgerichts in Freiburg immer neben dem Recht auch den Menschen gesehen.

Zum Abschluss eröffnete dieser die Ausstellung zu Heinz Drossels Leben und Wirken und zu Heinz Drossel als Richter.

Die Veranstaltung wurde durch beschwingte Beiträge der Simonswälder Gesangsgruppe Virtuos Voices umrahmt. Frau Silke Volk sang eines von Heinz Drossels Lieblingsliedern (Lilly Marleen).

Fast 200 Besucherinnen und Besucher spendeten während und am Ende der Veranstaltung großzügig Applaus.

Uli Fischer-Weissberger, am Geburtstag von Heinz Drossel

Fotos von Horst Dauenhauer und Hilde Weissberger

Zu den Bildtafeln der Ausstellung

Erinnern, Gedanken zur Erinnerungsarbeit aus dem Jahr 2003

von Uli Fischer-Weissberger

Von der Geschichtlichkeit der Naziverbrechen


Die einstige Gegenwart weigert sich Vergangenheit zu werden, wenn die Trauerarbeit fehlt. Denn das individuelle und kollektive Vergessen von Singulärem, von Gewesenem braucht das Bewusstsein von dessen Vorhandensein. Vergessen wird zu krankmachendem Verdrängen, wenn das Vergangene nicht „sein durfte“. Erst die Trauerarbeit, die im Sichtbarmachen des Gewesenen besteht, ermöglicht, dass der nicht wiedergutzumachende Schaden vom Opfer verziehen wird. Nur so wird die Vergangenheit überholt, wird Bestandteil der Geschichte.
Die Naziverbrechen sind Teil unserer Geschichte, Teil der Geschichte jedes einzelnen Deutschen, der Gemeinden in Deutschland und unseres Staatswesens. Sie können aber erst zur Geschichte werden, wenn auf allen drei Ebenen Trauerarbeit geleistet wird. Diese Trauerarbeit muss von jeder Generation auf ihre Weise geleistet werden, so versöhnt diese sich mit ihrer Geschichte; sie leistet die ihr gemäße Erinnerungsarbeit. mehr

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