Und er blieb doch ein Mensch

Der ukrainische Pazifist und Menschenrechtler Maksym Butkevych spricht darüber, warum er in den Krieg gezogen ist und wie er als Kommandeur zwei Jahre und vier Monate in russischer Kriegsgefangenschaft überlebt hat

Interview:  Alice Bota und  Olivia Kortas

Aus der ZEIT Nr. 01/2025Aktualisiert am 4. Januar 2025, 10:45 Uhr 

Hier Zitate aus dem lesenswerten Interview:

Butkevych: Wenn Pazifismus bedeutet, gegen den Krieg zu sein, bin ich natürlich Pazifist. Wenn es so verstanden wird, dass man sich niemals wehren darf, dann war ich nie einer. Wir leben nicht in einer theoretischen Welt. Wenn du Zeuge eines Verbrechens wirst und es beenden kannst, dies aber unterlässt, dann wirst du zum Komplizen. Du übst Gewalt aus, indem du Gewalt nicht verhinderst.

Butkevych: Sie drückten meinen Kopf auf den Tisch. Meine Hände waren auf dem Rücken fixiert, die Beine an den Stuhl, so dass ich niemanden sehen konnte. Sie stellten mir Fragen über den Maidan, was ich dort gemacht habe. Einer von ihnen schlug auf meine Leber. Ich konnte nicht atmen. Ein anderer flüsterte mir ins Ohr: Wenn du jetzt weinst, stecke ich dir meinen Schwanz in den Mund. Ich erkannte die Stimme. Es war derselbe Sadist, der mich nach der Festnahme auf dem Weg ins Gefängnis geschlagen hatte. 

ZEIT: Wissen Sie, wer die Männer waren?

Butkevych: Aus der Unterhaltung schloss ich, dass es eine spezielle Gruppe von russischen Ermittlern war, die dafür geschaffen wurde, ukrainische Kriegsverbrechen zu untersuchen. Am Ende erklärten sie mir meine drei Optionen. Entweder unterzeichne ich ein Geständnis, werde für Kriegsverbrechen verurteilt und ausgetauscht. Oder ich weigere mich. Dann würden sie mich erschießen. Die dritte Option war, dass ich im Gefängnis bleibe und sie mein Leben zur Hölle machen würden. Sollte ich irgendwann freikommen, wäre ich nicht mehr ich, sondern ein kaputtes Spielzeug.

Butkevych: So viel steht auf dem Spiel. Als mich die Soldaten auf dem Weg nach Luhansk filmten, sagten sie: Wenn die Ukraine-Phase vorbei ist, dann haben wir die kampferprobteste Armee in Europa, vielleicht sogar in Eurasien, die immer weiter voranschreiten wird. Ich fragte sie, bis wohin sie voranschreiten wollen. Bis Polen, bis ins Baltikum? Warum sollten wir uns auf Polen beschränken?, antworteten sie. Ihnen sind die Genfer Konvention und das humanitäre Recht egal. Das gesamte System der Menschenrechte würde zusammenbrechen. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Wir kämpfen nicht nur um unsere Ukraine, sondern um viel mehr. Ich fürchte, viele wissen das nicht. Deshalb teile ich meine Geschichte.

https://www.zeit.de/2025/01/maksym-butkevych-ukrainischer-menschenrechtler-russische-kriegsgefangenschaft-ueberleben

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