Chorleiter Christian Wunsch zur Komponistin
Wien im Jahre 1760. Die junge Marianna von Martines schreibt im Alter von 16 Jahren bereits ihre zweite Messe. Dass sie zu Lebzeiten der Komponistin aufgeführt wurde, ist eher unwahrscheinlich.
Seit etwa einem Jahr gibt es nun gedruckte Noten dieses schönen Werkes, das am Ostersonntag (5.4.2026) zum ersten Mal in Freiburg erklang.
Im Gegensatz zur „Missa brevis“, wie wir sie von Mozart, Haydn und vielen anderen Komponisten kennen, handelt es sich hier um eine sogenannte Kantatenmesse. Alle Teile der Messe sind sorgfältig und ihrer Stellung in der Liturgie gemäß vertont. Dennoch ist die Messe nicht allzu lang. Kompositorisch spürt man die Verwurzelung im Zeitalter des Kontrapunkts; fast jeder Teil der Messe wird mit einer Fuge abgeschlossen, in der die junge Komponistin ihr großes handwerkliches Können darstellt.
Aber der Blick geht doch auch nach vorne, eine ganz eigene, intensive Tonsprache, besonders in den langsamen Teilen, stellt sich ein. Ungewöhnliche Harmonien, ausdrucksstarke Intervalle prägen das harmonische Geschehen. Vielleicht beeinflußt von italienischer Musikästhetik.
Chor und Solisten haben dankbare Partien zu absolvieren, vom Streichorchester und zwei obligaten Posaunen begleitet. Marianna von Martines, heute weitestgehend vergessen, war im Wien jener Jahre keine Unbekannte. Sie stand mit den Größen ihrer Zeit in regem Kontakt, lebte zusammen im Haus mit dem Dichter und Opernlibrettisten Pietro Metastasio, dessen Vermögen sie später erben sollte, hatte beim jungen Joseph Haydn Klavierunterricht, lernte das Komponieren bei Giuseppe Bonno, begegnete Mozart bei vielen musikalischen Anlässen. Charles Burney, Musikgelehrter und reisender Schriftsteller schrieb über sie: „Sie übertraf wirklich noch die Erwartung, die man mir von ihr beigebracht hatte. Sie sang zwo Arien von ihrer eigenen Komposition über Worte von Metastasio, wozu sie sich selbst auf dem Flügel akkompagnierte…“ „…heute ist ihr Oeuvre ein Schatz, der gehoben werden will…“ (Aus: https://www.berliner-philharmoniker.de/stories/marianna-martines/).