Erinnern heißt, sich ansprechen zu lassen
Am 21. September 2026 wäre mein Freund Heinz Drossel 110 Jahre alt geworden.

Heinz Drossel zu seinem 90. Geburtstag im Geschwister-Scholl-Gymnasium, Waldkirch
Heinz Drossel habe ich als Menschen erlebt, habe mit ihm gesprochen, mit ihm gearbeitet und erlebt, wie er jungen Menschen von seiner Vergangenheit erzählt hat. Wenn ich heute auf die Wahlerfolge der AfD und die politische Entwicklung in unserem Land schaue, denke ich deshalb unweigerlich an ihn zurück.
Nicht, weil Heinz eine politische Antwort auf die Gegenwart geben könnte. Sondern weil ich von ihm gelernt habe, genauer hinzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt, abgewertet oder nur noch als Angehörige einer Gruppe betrachtet werden.
Heinz Drossel kann heute nicht mehr selbst erzählen. Die Generation der Zeitzeugen wird kleiner. Gerade deshalb stellt sich für mich die Frage: Was bleibt von dem, was ein Mensch wie Heinz uns vermitteln konnte? Und was bedeutet seine Geschichte für uns heute?
Heinz Drossel war Jurist und Offizier der Wehrmacht. Während der nationalsozialistischen Diktatur entschied er sich mehrfach dafür, Menschen zu helfen, die verfolgt und mit dem Tod bedroht waren. Er rettete jüdische Menschen und half auch Kameraden, obwohl er sich damit selbst erheblichen Gefahren aussetzte. Yad Vashem ehrte ihn dafür als „Gerechten unter den Völkern“.
Was mich an ihm besonders beeindruckte, war nicht nur sein Mut. Es war seine Fähigkeit, den einzelnen Menschen zu sehen.
Er sah nicht zuerst den „Juden“, den „Feind“ oder den „Fremden“.
Er sah den Menschen.
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. Und sie macht für mich die Erinnerung an Heinz gerade in der Gegenwart wichtig. Die Wahlerfolge der AfD sind eine politische Realität unserer Zeit. Sie werfen – unabhängig von der eigenen politischen Haltung – auch die Frage auf, wie wir als Gesellschaft mit Ausgrenzung, Menschenwürde und unserer Geschichte umgehen.
Ich möchte Heinz dabei nicht für eine heutige politische Position vereinnahmen. Aber ich möchte seine Erfahrung ernst nehmen.
Was bedeutet das heute?
Die Zeitzeugen der NS-Zeit werden immer weniger. Deshalb darf Erinnerung nicht bei Daten und Gedenkformeln stehen bleiben. Wir müssen Geschichten erzählen, Filme und Bilder zeigen und die Erfahrungen jener Menschen zugänglich machen, die sich Diktaturen widersetzten oder anderen Menschen halfen.
Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Resonanz: der Fähigkeit, sich von einem Menschen oder einer Erfahrung ansprechen und möglicherweise verändern zu lassen.
Genau das habe ich bei Heinz erlebt.
Seine Geschichte erinnert mich an eine einfache, aber schwierige Frage:
Wie verhalte ich mich gegenüber dem Menschen, der mir gerade begegnet?
Eine demokratische Gesellschaft braucht Menschen, die einander zuhören können. Sie braucht aber ebenso Menschen, die widersprechen, wenn andere abgewertet oder ausgegrenzt werden.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung lebendiger Erinnerungskultur: Nicht nur zu fragen, was damals geschehen ist, sondern auch:
Was tue ich heute?
Zum 110. Geburtstag meines Freundes Heinz Drossel bleibt deshalb für mich seine wichtigste Botschaft: