Der Boden der Unmenschlichkeit

Ein Gedankengang und Materialien zum Auschwitzgedenktag 2022

Die Shoah und andere Genozide als rassistische Konzepte und Situationen begreifen

Für Zivilcourage, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit

Gegen Fremdenfeindlichkeit, Egoismus und Unmenschlichkeit

Unterrichtsmaterialien zur Shoah, zum Vernichtungslager in Auschwitz, zu Tätern, zum Rassismus, zum Antisemitismus, der Geschichte der Sklaverei , der Juden in Deutschland und Baden und zu rassistisch motivierten fremdenfeindlichen Übergriffen in der BRD

Meine Ausgangsthese:

Die Shoah, der Genozid an den europäischen Juden, die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma und die von vielen Menschen, die die Nationalsozialisten als Untermenschen oder als lebensunwert ansahen, wäre nicht möglich gewesen, wenn dazu nicht der Boden durch den Rassismus im Deutschland des 19. und frühen 20. Jahrhundert bereitet worden wäre. Diese „rassistische Situation“ entstand in einem autoritären-kolonialistischen System, das ausgehend von Europa die Welt seit dem ausgehenden Mittelalter beherrscht. Das Ausnahmeverbrechen der industriellen Ermordung von mehreren Millionen Menschen ist nicht wiederholbar, aber Gewalt gegen „Fremde“, Unmenschlichkeit und Hass existieren weiter. Es gilt somit Merkmale von Rassismus, autoritärem Verhalten und Gewalt aus historischen und aktuellen Situationen herauszuarbeiten und Erscheinungsformen dieser heute zu bekämpfen.

Kapitel des Blogs

Ich stelle hier meinen Gedankengang vor und Materialien zum Auschwitzgedenktag zusammen. Diese sind Grundlage für einen Workshop/bzw. eine Veranstaltung am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch. Sie können aber auch zu anderen Anlässen eventuell mit anderen lokalen Beispielen eingesetzt werden. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass die Ursachen für die Untaten der Nationalsozialisten nicht nur in einer spezifischen historischen Situation, wie sie sich im ausgehenden 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert entwickelte, liegen. Der Boden für die Ausnahmeverbrechen der Nationalsozialisten liegt meines Erachtens in einer durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gekennzeichneten Situation und gesellschaftlichen Struktur. Deswegen scheint es mir wichtig zu zeigen, wie eine solche Situation und Struktur sich bei uns historisch entwickelte und welche Situation wir heute vorfinden.

Aus einem Brief an Prof. Heiko Haumann

nachdem ich deinen sehr lesenswerten Text, „Wir waren alle ein wenig antisemitisch.“(in: Heiko Haumann, Schicksale, Köln 2012, S. 343ff), durchgearbeitet habe, hatte ich folgende Gedanken in Bezug auf die Verwendung des Begriffs „rassistisch“.

Lieber Heiko,

Es ist m.E. offensichtlich, dass auch die religiös motivierte Judenfeindschaft rassistisch ist, da sie gruppenbezogen ist und persönliche Eigenschaften auf Gruppen und nicht auf Individuen bezieht. Es wird hierbei seit dem Mittelalter, wie du schreibst, schon deutlich, dass auch konvertierte Juden mit Vorurteilen belegt werden. M.E. ist es vor allem die Festlegung von Vorurteilen und Eigenschaften auf Gruppen, die den Rassismus kennzeichnen. Wir wissen ja, dass es keine biologischen Rassen gibt, sondern Ethnien, die sich biologisch nicht unterscheiden. Der moderne Rassismus ist vor allem durch den pseudowissenschaftlichen Sozialdarwinismus mit „seinem Kampf ums Dasein“ gekennzeichnet, dieser mündet dann schließlich im „eliminatorischen“ Antisemitismus der Nationalsozialisten.

Du kritisierst einzelne Aufklärer und fortschrittliche Politiker aus dem 18. und 19. Jahrhundert vollkommen nachvollziehbar wegen ihrer Judengegnerschaft, da sie zumeist „den rückschrittlichen Juden“ die Fähigkeit zum gleichberechtigten Staatsbürger absprechen. Da stimme ich vollkommen mit dir überein. Irrationale oder wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechende Rituale oder Sitten ebenfalls zu kritisieren und deutlich abzulehnen, halte ich aber für wichtig, das bezieht sich auch auf christliche Dogmen usw. Also Gebräuche und Vorstellungen von Ostjuden oder Orthodoxen als irrational abzulehnen, halte ich auch, wenn man die aktuelle Siedlungspolitik in Israel und deren nicht haltbare Begründungen anschaut, für zentral. Das gilt natürlich auch für Dogmen in anderen Bereichen.

Was mir an deinem Text wieder klar wurde, ist, dass ohne den seit dem Mittelalter herrschenden Antisemitismus der Antisemitismus der NS nicht denkbar gewesen wäre. Dieser stand auf dem Boden des herkömmlichen AS und Rassismus. Und wenn eine Alice Weidel gegen muslimische Migranten als Messermänner und Schleier tragende Frauen hetzt, sehen wir diese rassistische Grundlage wieder.

Ich möchte diesen Gedankengang als Grundlage meiner Arbeit zum Auschwitzgedektag den Schüler*innen vermitteln. Ist das nachvollziehbar?

Liebe Grüße und ein schönes Weihnachtsfest 

Uli

Aus der Antwort zu diesem Brief:

Lieber Uli

Vielen Dank! Ja, Deine Überlegungen sind gut nachvollziehbar und überzeugend. Natürlich muss man irrationale Rituale kritisieren. Aber ich finde es auch wichtig, ihre Herkunft und Begründung nachzuvollziehen und zu unterscheiden, wozu sie dienen: beispielsweise als friedlicher, integraler Bestandteil eines Glaubensverständnisses (etwa koscher essen) oder als Begründung einer aggressiven Eroberungs- und Besatzungspolitik (wie in Israel).

Ich wünsche auch Dir schöne Feiertage und ein friedliches Jahr 2022.

Herzliche Grüße

Heiko

2. Das Ausnahmeverbrechen

KZ-Struthof, Elsaß

Die Shoah (Begriff aus dem Alten Testament: Heimsuchung, Katastrophe, Untergang, Zerstörung) oder auch Holocaust (aus dem Altgriechischen: vollständig verbrannt, Brandopfer) bezeichnet die Ermordung, den Genozid, an den europäischen Juden während der Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland (1933-45).

Die Nationalsozialisten sahen in den Juden eine „Rasse“, die sie vernichten wollten, um die Weltherrschaft zu erringen. Ihrer Rassenideologie fielen ca. 6 Millionen Juden zum Opfer. Nach dieser Ideologie wurden auch andere sogenannte Rassen wie die Sinti und Roma bekämpft und viele Menschen getötet. Den Nationalsozialisten fielen auch politisch und weltanschaulich Andersdenkende wie Kommunisten oder Zeugen Jehovas zum Opfer.

Bis zum Beginn des 2. Weltkriegs kam es zur Verfolgung, Benachteiligung und Ausgrenzung dieser Personen, es wurden viele willkürlich in Konzentrationslagern (KZs) gefangen gehalten, gefoltert und auch umgebracht. Es gab auch systematische Terroraktionen wie die Reichprogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der viele Juden verschleppt, misshandelt und getötet und die meisten Synagogen in Deutschland niedergebrannt wurden.

Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs (1939-45) wurden die Juden systematisch getötet. Zuerst wurden viele beim Überfall auf und während der Herrschaft über Polen umgebracht. Mit Beginn des Vernichtungskriegs (August 1941) erschossen sogenannte Einsatzkommandos zusammen mit einheimischen Kollaborateuren in den eroberten Gebieten die dort lebenden Juden, so konnte in Litauen der Waldkircher SS-Standartenführer Karl Jäger bis zum 1.12.1941 die Ermordung fast aller Juden (über 137 000 Menschen) vermelden. Auf der Wannseekonferenz vom 20.1.1942 wurde die Ermordung der Juden in Vernichtungslagern konkret und „bürokratisch“ geplant. Bis zum Ende des Krieges wurden ca. 6. Millionen Juden ermordet, sie wurden in den jeweiligen Ländern erfasst und mit Zügen in Viehwaggons in die Lager transportiert und dort zumeist mit Gas getötet, die Arbeitsfähigen wurden zuvor noch ausgebeutet. Es gab auch medizinische Versuche. Die Menschen wurden wie Ungeziefer oder wie Sachen behandelt. Diese industrielle und bürokratisch geplante „Vernichtung“ bedeutet meines Erachtens den Ausnahmecharakter dieses Menschheitsverbrechens.

3. Die Lager von Auschwitz

Das Konzentrationslager Auschwitz, kurz auch KZ AuschwitzAuschwitz oder zeitgenössisch K.L. Auschwitz genannt, war ein deutscher Lagerkomplex zur Zeit des Nationalsozialismus aus drei sukzessive ausgebauten Konzentrationslagern. Dieser Lagerkomplex hatte eine Doppelfunktion als Konzentrations- und Vernichtungslager. Er bestand aus dem Konzentrationslager Auschwitz I (Stammlager), dem Vernichtungslager Birkenau – Konzentrationslager Auschwitz II, dem Konzentrationslager Monowitz und ca. 50 weiteren Außenlagern. Der Lagerkomplex befand sich im vom Deutschen Reich annektierten Teil von Polen. Die SS betrieb den Lagerkomplex von 1940 bis 1945 am Westrand der polnischen Stadt Oświęcim (dt.: Auschwitz).

KZ Auschwitz – Wikipedia, entnommen 6.1.2022

Verbrennungsofen im KZ-Struthof

Konzentrations- und Vernichtungslager der NS-Diktatur entstanden in unterschiedlichen zeitlichen Stadien von deren Herrschaft. Bereits ab 1933 begann das NS-Regime mit der Einrichtung von Konzentrationslagern. Die Vernichtungslager mit fabrikmäßig organisierter Ermordung von Menschen in Gaskammern wurden ab Frühjahr 1942 betrieben. Zuvor waren im Vernichtungslager Kulmhof in einer ersten Phase ab Dezember 1941 Juden in dort stationierten Gaswagen ermordet worden.

Im Gegensatz zu anderen Konzentrationslagern, wo Inhaftierte neben einzelnen Morden vor allem durch systematisch herbeigeführte Krankheit und Unterernährung sowie übermäßige Arbeit starben, die „Vernichtung durch Arbeit“, dienten die Vernichtungslager allein der sofortigen Ermordung der dorthin Deportierten, die mit speziellen Eisenbahnzügen in die Lager gebracht wurden.

Vernichtungslager – Wikipedia, entnommen 6.1.2022

Die Vernichtungslager in Polen und Weißrussland

bild-68528-resimage_v-variantBig16x9_w-1024.jpg (1024×576) (mdr.de), entnommen 6.1.2022

4. Zeugnisse über Auschwitz

Was uns immer im Gedächtnis und im Herzen sein sollte, sind nicht die nackten Zahlen, sondern die Stimmen der Opfer, die uns ihr Leiden mitteilen und uns dadurch vor der kalten Distanz gegenüber Unmenschlichkeit und Gewalt bewahren.

Herr Reich erzählt von seinen schrecklichen Erfahrungen im KZ-Auschwitz-Birkenau vor Schüler*innen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Waldkirch im November 2018.

Werner Reich, Vom Überleben eines Jugendlichen in Auschwitz
Dies ist ein Ausstellungsplakat vom Auschwitzgedenktag 2019, es stellt uns das Leben von Werner Reich vor.

Dies ist ein 26-minütiger Filmausschnitt aus einem Arte-Film, in ihm berichten Häftlinge von ihrem Leiden. (Sie werden von Schauspielern gesprochen.)
Denken wir an das Leid der Opfer dieser Verbrechen.

5. Verharmloser, Relativierer, Rechtsextreme

Der Krieg der Nationalsozialisten im Osten Europas war ein kolonialistischer Eroberungskrieg und ein erbarmungsloser Vernichtungskrieg, in dem geplant war 11 Millionen europäische Juden zu ermorden und in dem 6 Millionen Juden umgebracht wurden.

Schon in der Zeit direkt nach dem Ende der NS-Diktatur vertraten viele Menschen die Meinung, dass die Verbrechen, die in dieser Zeit begangen worden waren, Teil des Krieges gewesen und nicht unüblich für Kriege gewesen seien. Doch die meisten Soldaten, die im „Ostkrieg“ dabei gewesen waren, wussten um die Morde und waren teilweise auch daran beteiligt oder schauten zu. Trotzdem gibt es Politiker wie Alexander Gauland von der AfD, der davon spricht, dass er stolz sei auf die Taten deutscher Soldaten in den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Solche Worte verharmlosen die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. So ist es diese Propaganda und das Unwissen um die Vorgänge in den Vernichtungslagern und bei den Massenerschießungen, die das im folgenden Film gezeigte Verhalten von Einzelnen auf Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen mit erklären können.

Ein Beitrag aus der Sendung Kulturzeit, in dem es um Gegner der Coronamaßnahmen geht, die völlig unangemessen mit dem Schicksal der Menschen umgehen, die im Holocaust umgekommen sind.

Wir wehren uns gegen die undemokratische und rechthaberische Minderheit, die so tut, als wäre sie die schweigende Mehrheit.

6. Gräuel gab es schon „immer“.

Vom Ursprung des Rassismus und der Ideologie der White Supremecy

Obwohl die Shoah oder der Holocaust in seiner brutal-industriellen Art und unmenschlichen Kälte einzigartig ist, dürfen wir nicht übersehen, dass sehr wohl vieles schon in der Kolonisierung der Welt durch die Europäer vorgebildet ist. z.B. in den Gräueln des Kolonialismus in Amerika seit der Eroberung durch die Europäer in der Frühen Neuzeit, im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, wenn wir uns u.a. das Vorgehen der Belgier im Kongo oder der Deutschen gegen die Hereros und Namas oder den Genozid an den Ureinwohnern in Nordamerika anschauen. Ein Blick auf die Geschichte der Sklaverei zeigt ebenfalls, dass die Art und Weise der Verbrechen nicht neu war. Auf meiner Website stehen Filme und Analysen zum Thema Sklaverei.

Ich möchte hier auf den 4-teiligen Filmessay „Rottet die Bestien aus“ von Raoul Peck, der in der Artemediathek steht hinweisen. Ich habe aus dem ersten Teil einen Ausschnitt bearbeitet und ihn „die rassistische Ideologie“ benannt. Das Folgende sind wörtliche Zitate:

Ihr wisst längst genug.

Es fehlt uns nicht an Wissen.

Was fehlt ist der Mut zu begreifen, was wir wissen und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Denn wir wissen, wann die Geschichte begann, wir wissen, wann Rasse, Hautfarbe und Blut zum ersten Mal institutionalisiert wurden. Wir sahen, wie Rassismus in den mittelalterlichen Kreuzzügen der christlichen Königreiche Nordspaniens Gestalt annahm, wir sahen …

7. Täter, Zuschauer, Dulder und Mitläufer

Wenn man über die Untaten der Nationalsozialisten forscht, dann begegnet einem die Auffassung, dass die Täter Monster oder zumindest Unmenschen sein müssten und dass die Taten außerhalb des menschlich Vorstellbaren lägen. Dies ist aber nach der Forschungslage nicht der Fall. Es begegnen uns 2 scheinbar widersprechende Ansichten. Die eine, dass die Täter ganz normale Männer gewesen seien, so Christopher Browning in seinem gleichnamigen Buch. Es gab weniger Täterinnen, weil Frauen nur in Frauen-KZs als Wärterinnen eingesetzt wurden. Die andere Ansicht, dass die Täter durch ihre Erziehungssituation, die köper- und frauenfeindliche und gewalttätige Erziehung im Wilhelminismus, zu mitleidlosen Mördern wurden. Klaus Theweleit zeigt überzeugend in seinem Buch Männerphantasien anhand von Biografien von Freicorpssoldaten (Faschisten aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg), wie diese Männer den faschistischen Charakter ausbildeten.

Dies erscheint zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht, da meines Erachtens, wie beide auch schreiben, die Täter aus einer autoritär-bürgerlichen Lebenssituation kamen, sie antisemitische Grundhaltungen hatten oder entwickelten und unterschiedlich auf die Situation reagierten. So gab es Täter, die das Morden, wie Theweleit es deutlich macht, als Lebens- oder Überlebens-strategie lebten. Andere passten sich der Situation an, wollten wegen ihrer autoritären Haltung aber nicht auffallen und ordneten sich ein und unter. Sie konnten häufig das Morden nicht aushalten, soffen oder waren häufig traumatisiert. Die militärische Führung reagierte darauf und es wurden „Spezialisten“ beim Morden eingesetzt, während andere die Opfer „nur“ den eigentlichen Mördern „zutrieben“; sie z.B. aus den Häusern holten und zum Erschießungsort transportierten.

Harald Welzer zeigt in seinem Buch „Täter, Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“, dass es auf die spezifische „Gewaltsituation“ ankommt, ob aus normalen Menschen Massenmörder werden. Er zeigt deutlich, dass der zivilisatorische Fortschritt eine dünne Decke ist, die nicht gegen Unmenschlichkeit schützt.

Die Täter waren nicht völlig ohne Empathie, sie schalteten diese in der Situation oft aus und rationalisierten ihr Verhalten. Man hörte z.B.: „Ich habe nur Kinder umgebracht, da sie ohne ihre Mütter nicht überlebensfähig gewesen wären.“

Fazit

Ein Bericht über den Film „Das radikal Böse“, der sich auf die neuere Täterforschung bezieht.

Wichtig ist meines Erachtens: Allen Täter*innen ist gemeinsam, dass sie eine autoritäre und rassistische (z.B. antisemitische) Grundhaltung hatten. Auf dem Boden dieser Grundhaltung entwickelten sie in der spezifischen Situation, die sie zum Morden „zwang“, ihr mörderisches Verhalten. Harald Welzer geht dabei auch auf andere Massenmorde ein wie z.B. in Ruanda, 1994, oder in „Ex-Jugoslawien“, 1995. Ich sehe neben anderen auch Parallelen zu den Folterern des Assadregimes in Syrien oder IS-Mördern.

Meine These lautet demnach: Bringt man Menschen, die diese Grundhaltung haben, in eine solche Ausnahmesituation, werden sie zu Mördern. Bringt man sie in andere Situationen, dann dulden sie, wie z.B. in der Reichspogromnacht Gewalttätigkeiten anderer oder tragen diese mit. Es kommt immer auf die spezifische Situation an, in die sie gebracht werden.

Heute leben wir in einem demokratischen Rechtsstaat, deshalb sind solche Situationen nur im extremistischen Lager von Gegnern der Demokratie möglich. Es bleibt zu zeigen, ob auch heute noch bei vielen eine autoritäre und rassistische Grundhaltung vorherrscht und es gefährlich werden kann, wenn solche Gewaltsituationen entstehen und wir diese dulden.

Ich möchte hier auf den Film „Ganz normale Männer – der vergessene Holocaust“ hinweisen. Er zeigt sehr verstörende und brutale Bilder und Filmausschnitte, deshalb muss man vorsichtig sein, wenn man ihn anschaut. Er zeigt das Vorgehen eines Polizeibataillons in Polen, erläutert die historischen Zusammenhänge auch in der Nachkriegszeit. Er befindet sich in der ZDF-Mediathek.

Kurzbesprechungen der Bücher und Texte, auf die ich mich berufe:

Putin der Kriegsherr und Enver Pascha, Kriegsherr und Massenmörder

Eine Annäherung an den Typus des Gewaltherrschers anhand des Romans „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel

Die aktuellen Verhältnisse zwingen uns dazu, nicht nur auf die Täter zu schauen, die das „Mordgeschäft“ verrichten, sondern hinzuschauen auf die Kriegsherrn, die Machtmenschen, die Mächtigen, die hinter den Tätern stehen, die deren Untaten anleiten, rechtfertigen, verschleiern und benutzen, um ihre Machtansprüche und Herrschaftsträume durchzusetzen.
Putin steht hier in einer Reihe von anderen Despoten. Deren Ideologie, besser Wahnvorstellungen, aber auch persönliches Kalkül differieren zwar in ihren Details, auch sind sie in ihren Konsequenzen, was die Dimensionen betrifft, verschieden. In ihrem Duktus, ihrer Prägung sind sie erschreckend ähnlich, sind durchsetzt vom völkischen Nationalismus, Rassismus und die antihumanistische, undemokratische Haltung der „Führer“ ist eindeutig.

Der Kriegsherr Putin hat seine Vorläufer. Franz Werfel zeigt uns einen dieser Vorläufer: Enver Pascha, er zeichnet verantwortlich für den Massenmord an den Armeniern 1915 und 1916. In seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, veröffentlicht im November 1933, geht es um den Genozid an den Armeniern im Jahr 1915. Die Türkei befindet sich im Krieg gegen die Entente, sie ist Verbündeter des Deutschen Reichs. Unter den Augen, und wie wir heute wissen, mit Hilfe deutscher Militärs begehen die Türken diesen Genozid. Die Armenier werden aus den Städten und Ihren Dörfern vertrieben oder dort schon umgebracht. Die Überlebenden treibt man auf Todesmärschen in unbewohnbare Gebiete, wo die meisten umkommen.

Franz Werfel beginnt seinen Roman in einem kleinen Provinznest, wo die türkischen Beamten Vorwände schaffen für den Genozid und mit ersten Massakern beginnen. In dieser Situation sucht der deutsche Pastor und Freund der Armenier, Johannes Lepsius, den Kriegsherrn Enver Pascha auf. Franz Werfel beschreibt in diesem „aussichtslosen“ Gespräch das Bild eines kalten und verblendeten Despoten, in meinen Augen ähnelt er Putin und anderen Kriminellen an der Macht, wobei sie alle natürlich völlig unterschiedliche Charaktere sind. Franz Werfel beschreibt zwar die historische Persönlichkeit Enver Pascha, diese wird aber zu einem Typus, einem Typus, dem wir schon immer begegnet sind, und Putin wird nicht der letzte dieser Art sein.

Johannes Lepsius befindet sich auf dem Weg zu Enver Pascha

Das Gespräch mit Enver Pascha

Erschreckend ist die Fassade dieses Kriegsherrn und Massenmörders, seine Kälte und das bewusste Negieren der grausamen Realität. Hinter nationalistischen Phrasen und wie selbstverständlich daherkommenden völkisch-rassistischen Vorurteilen verbirgt sich, eine zuweilen aufblitzende Grausamkeit, die blassiert und lächelnd ummantelt wird. Franz Werfel zeichnet einen „jungenhaften“ und schüchtern um Sympathie heischenden Charakter, der kühl und scheinbar vernünftig, freundlich mit dem entsetzten Menschenfreund aus Deutschland „parliert“.

Nach dem Gespräch plant Enver Pascha zusammen mit seinem „Mitherrscher“, Talat Bay, das weitere Vorgehen bei der Austreibung und Ermordung der Armenier.

Im Gegensatz zu Enver Pascha ist Talat Bay der grobschlächtige Emporkömmling. In seiner Art erinnert er mich an Ernst Röhm, den einzigen Duzfreund Hitlers, dieser wollte die SA-Schlägertruppe zum alleinigen „Waffenträger“ im NS-Staat machen, was seine Ermordung auf Betreiben der „elitären“ Generalität der Reichswehr zur Folge hatte; Hitler wurde von dieser dazu gezwungen.

Die Morde gehen weiter, die beiden Kriegsherrn und Massenmörder „belächeln“ den moralisierenden Deutschen. Dies dürfte auch Putin nach dem Gespräch mit Bundeskanzler Scholz kurz vor dem Angriff auf die Ukraine gemacht haben.

„Wir sind keine Schafe, die willig zum Schlachten geführt werden.“

Es gibt große Unterschiede zwischen den jeweiligen Gewaltherrschern. Doch haben sie wichtige und unübersehbare Gemeinsamkeiten. Nicht jeder wird zum Massenmörder und wir können ihnen widerstehen, ihre Lügengebäude zum Einsturz bringen. Das differiert je nach der Situation und selbst in der aussichtslosen Lage in den Ghettos und KZs der Nationalsozialisten gab es Widerstand. Der 25-jährige Aba Kovner führte den Widerstand im Ghetto in Vilnius an.

Hier seine Worte:

Jüdische Jugend!
Vertraue nicht denen, die versuchen, dich zu täuschen. Von den achtzigtausend Juden im „Jerusalem von Litauen“ sind nur noch zwanzigtausend übrig. . . . Ponar [Ponary] ist kein Konzentrationslager. Sie wurden alle dort erschossen. Hitler plant, alle Juden Europas zu vernichten, und die Juden Litauens wurden als erste in der Reihe ausgewählt.
Wir werden nicht wie Schafe zum Schlachten geführt!
Wir sind zwar schwach und wehrlos, aber die einzige Antwort an den Mörder ist die Revolte!
Brüder! Es ist besser, als freie Kämpfer zu fallen, als von der Gnade der Mörder zu leben.

Entstehen! Steh mit deinem letzten Atemzug auf!

zitiert nach: Geschichte&Kultur, Nazi-Widerstand der Juden von Vilna

Die Rede markiert 1941 den Beginn von Widerstandshandlungen. Kovner überlebte und war am Aufbau Israels beteiligt.

Franz Werfel setzt in seinem Roman den todgeweihten Armeniern ein Denkmal.

Ein Bericht aus dem Archiv des Deutschlandfunk

Die letzten Überlebenden am Mussa Dagh

Bis heute leugnet die Türkei ihre historische Verantwortung für den Tod von einer Million Armeniern im Jahre 1915. Damals gab die Generalität des osmanischen Reiches den Befehl, die armenische Bevölkerung zu deportieren. Doch noch immer lehnt die Türkei alle Forderungen nach Anerkennung des Völkermordes ab. Dabei geht es auch um die Europatauglichkeit der Türkei. Nur langsam wird der Schleier des Schweigens gelüftet und die letzten Überlebenden melden sich zu Wort. Zum Beispiel in Vakifli, dem letzten armenischen Dorf im Südosten der Türkei.

21.04.2005

Havadis Demirci sitzt auf der Terrasse seines Hauses – die Schlägermütze in den Nacken geschoben, die rechte Hand auf den Stock gestützt – und schaut über die blühenden Orangenbäume hinweg aufs Mittelmeer. 

„Am Tag, als ich zur Welt kam, kamen die Schiffe, um uns zu retten. Darum haben sie mich Havadis getauft.“

Havadis heißt übersetzt die „Nachricht“. Und es war eine gute Nachricht, die den Musa Dagh, den Berg Moses, im September 1915 erreichte. 4000 Armenier – Männer, Frauen und Kinder – hatten seit mehr als vier Wochen auf dem Rücken des Bergmassivs ausgeharrt und den osmanischen Truppen mit einer Handvoll Jagdgewehren Widerstand geleistet. Darunter auch Havadis‘ Eltern. 

Am Tag seiner Geburt näherten sich französische Kriegsschiffe der Küste von Antiochien. Die Alliierten hatten die SOS-Fahnen auf der Bergspitze bemerkt. Lange hätten sich die Bewohner der sieben armenischen Dörfer von Musa Dagh nicht mehr halten können. Doch sie wollten sich nicht widerstandslos ihrer drohenden Vernichtung ergeben, berichtet Havadis Demirci:

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8. Die Geschichte der Juden in Deutschland

Seit wann leben Juden in Deutschland?

Die ersten Juden, die sich auf dem Gebiet des späteren Deutschland ansiedelten, kamen vermutlich aus Frankreich und Italien. Die älteste schriftliche Überlieferung stammt aus dem Jahre 321 und betrifft die Stadt Köln am Rhein. Darin fordert der römische Kaiser Konstantin seine Statthalter in der Stadt Colonia auf, die Juden an den öffentlichen, unbezahlten Arbeiten für das Gemeinwesen zu beteiligen. Zu dieser Zeit siedelten die Germanen noch in Einzelgehöften, den Staat Deutschland gab es noch nicht.
Im frühen Mittelalter ließen sich Juden vor allem im Süden und mittleren Teil Deutschlands nieder. Urkunden, in denen ihre Anwesenheit erstmals erwähnt wird, gibt es aus Mainz für das 8. Jahrhundert , für Magdeburg, Merseburg und Regensburg aus dem 10. Jahrhundert. Für Worms, Trier und Speyer gibt es Urkunden aus dem 11. Jahrhundert. Manche dieser und spätere Urkunden erwähnen Juden nur am Rande. In der Regel aber wird den Juden dabei etwas verboten. Die früheste Urkunde aus Berlin von 1295 verbietet den Juden den Garnverkauf. Zu fast der gleichen Zeit beschloss der Magistrat der Stadt Frankfurt /Oder, dass die zehn jüdischen Fleischer der Stadt nicht mehr als fünf Stück Vieh in der Woche schlachten durften.
Das Leben der Juden in Deutschland war im Mittelalter und auch nach 1500 von sehr widersprüchlichen, oft wechselnden Lebensumständen geprägt. Einerseits erlaubten Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen, aber auch Bischöfe und Ratsherren der Städte in ihrem Herrschaftsbereich den Juden gegen gutes Geld den Aufenthalt. Das Ausstellen von Schutzbriefen entwickelte sich zu einem einträglichen Geschäft. Andererseits mussten die Juden für Katastrophen als Sündenböcke herhalten und die unsinnigsten Anklagen über sich ergehen lassen. Sie wurden zum Beispiel als Brunnenvergifter bezeichnet, wenn eine Pestepidemie Stadt und Land entvölkerte. Zwangstaufen, oder falsche Beschuldigungen, christliche Knaben getötet und Hostien aus den Kirchen entwendet zu haben, führten immer wieder zur Vertreibung und Verfolgung der ansässigen Juden. Oft lebten die Juden im Mittelalter in speziellen, nur für sie als Wohnquartier vorgesehenen Stadtvierteln. Bei antijüdischen Pogromen war die Jagd nach den Opfern leicht. Man musste nur in diesen stadtbekannten Straßen und Gassen von Haus zu Haus gehen und unterschiedslos alle verjagen oder gar töten. (aus: Robert Helas, Seminarmaterialien der Rosa-Luxemburg-Stiftung, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/ pdfs/Themen/ Rechtsextremismus/Helas2.pdf, entnommen 11.1.2022)

In der Frühen Neuzeit (16.-19. Jahrhundert) hält die Verfolgung und Vertreibung von Juden an und verstärkt sich in Krisensituationen wie z.B. dem Dreißigjährigen Krieg (17. Jahrhundert) massiv, in den religiösen Auseinandersetzungen geraten die Juden häufig zwischen die Fronten, zumal die Reformation hier keine Verbesserung bringt. So schreibt Martin Luther in seiner Hetzschrift: Von den Juden und ihren Lügen u.a. Folgendes zu Maßnahmen gegen Juden:

Siebtens soll man den jungen und starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Hacke, Spaten, Spinnrocken und Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiße ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist [1. Mose 3). Denn das kann nicht sein, dass sie uns verfluchte Gojim im Schweiße unseres Angesichts arbeiten lassen, und sie, die heiligen Leute, das Ergebnis unserer Arbeit hinter dem Ofen im Müßiggang mit Rülpsen und Furzen verzehren wollen. Und sie prahlen auch noch lästerlich angesichts unseres Schweißes, dass sie die Herren der Christen seien. Man müsste sie notfalls zur Arbeit prügeln. (zitiert nach: Martin Luther-Der Hassprediger, Dokumente zum Lutherjahr der evangelischen Kirche, http://hassprediger-luther.de/luther-und-die-juden/, entnommen 12.1.2022)

Juden im 18. und 19. Jahrhundert, Aufklärung und Liberalismus

Zwar bekommen die Juden in der Zeit der Aufklärung und unter Napoleons Herrschaft mehr Rechte; die Emanzipation der Juden findet teilweise und individuell statt, sie werden als Bürger anerkannt. Aber namhafte Aufklärer und selbst jüdische Intellektuelle lehnen die jüdische Kultur und Religion häufig als rückständig ab und fordern eine „Assimilation“, das heißt Anpassung und angebliche Zivilisierung. Im gesellschaftlichen Bereich werden sie häufig ausgegrenzt und von der Teilhabe ausgeschlossen, so wurde der Gelehrte Moses Mendelsohn, der Freund Lessings und größte jüdische Aufklärer seiner Zeit, nicht in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Prof. Heiko Haumann kommt in seinem Text „Wir waren alle ein klein wenig antisemitisch“ zu folgendem Schluss: „Hier offenbarten sich die Grenzen der Toleranz eines Teils der Aufklärer und Liberalen: Die Juden galten als die Anderen und Fremden, die zwar geduldet wurden, die man aber nicht akzeptieren, sondern umerziehen wollte. Auch die meisten Befürworter einer Judenemanzipation hatten das Bild eines zukünftig ´zivilisierten` Juden vor Augen. An ein gleichberechtigtes Miteinander verschiedener Kulturen dachte damals kaum jemand. [Wenig selbstkritisch, lehnten sie die ihnen fremd und irrational erscheinenden Merkmale der jüdischen Kultur ab.] Die Rationalität [vieler Aufklärer], die kulturelle Eigenarten für überflüssig und schädlich [hielten], weil diese eine Absonderung von der [als homogen empfundenen], vernunftgemäßen Ordnung fördern würden, begünstigte ein [intolerantes und gewalttätiges] Denken und Verhalten und schuf die zivilisatorischen Voraussetzungen, die schließlich die Shoah ermöglichten. Um so wichtiger ist es zu differenzieren, Alternativen sowie Ursachen zu erkennen, warum es zur Katastrophe kam.“ (Heiko Haumann, Schicksale, Wien, 2012, S. 351/52, leicht verändert durch Weissberger)

Es ist wichtig hier zu sehen, dass die Aufklärung Teil und Gegner eines rassistisch-fremdenfeindlichen Systems war und so diesen blinden Fleck ihrer Rationalität nicht erkannte. Dies gilt m.E. auch für die Unterdrückung von Frauen oder auch der kolonisierten Völker.

Woher kommt der Hass gegen Juden?

Historische Zusammenhänge und wichtige Begriffe

Ein historisches Erklärvideo

Eine sehr gute Darstellung von historischen Zusammenhängen. Folgender Kommentar steht unter dem Video: HINWEIS: Da in den Kommentaren unter diesem Video in großem Ausmaß Straftaten im Sinne des § 130 StGB (Volksverhetzung) begangen wurden, sehe ich mich leider dazu gezwungen, die Kommentarfunktion für dieses Video bis auf Weiteres zu deaktivieren.

Definitionen zu den Begriffen: Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit

Um die Geschehnisse in der NS-Zeit und die Situation heute einschätzen zu können, möchte ich einige Begriffe und Zusammenhänge erklären.

Im Gegensatz zum sehr guten obigen Film sehe ich in der Judenfeindschaft seit dem Mittelalter sehr wohl schon eine rassistische Komponente, deshalb habe ich hier die wichtigsten Begriffe definiert, die im Zusammenhang des Antisemitismus zu beachten sind:

Der Antisemitismus ist das älteste religiöse, kulturelle, soziale und politische Vorurteil. Von der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit verfestigte sich ein negatives Judenbild, aufgeladen durch antijüdische Mythen und Klischees. Eine Minderheit wurde stigmatisiert und über die Stigmatisierung ausgegrenzt.[21] Juden werden seit jeher mit Macht und Einfluss in Verbindung gebracht. Dabei werden komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf das angeblich bewusste Wirken „der Juden“ reduziert. Auch andere Verschwörungstheorien sind strukturell anschlussfähig für antisemitische Welterklärungsmodelle. Die Anti-Defamation League (ADL) stellte gemäß einer Umfrage aus 2014 in über 100 Ländern (4.161.578.905 Erwachsene) fest, dass weltweit davon 26 % – über eine Milliarde Menschen – antisemitisch eingestellt sind. 35 % der Menschen haben noch nie vom Holocaust gehört. 41 % glauben, dass Juden Israel gegenüber loyaler sind als ihrem eigenen Land gegenüber. 74 % der Menschen im Nahen Osten, in der Türkei und in Nordafrika sind antisemitisch – der höchste regionale Prozentsatz der Welt. Von den Menschen, die antisemitische Ansichten vertreten, haben 70 % noch nie eine jüdische Person getroffen.[22][23]

Einer der Urpropagandisten war der Geschichtsschreiber im Benediktinerkloster St AlbansMatthäus Paris (um 1200–1259), der in seinen Schriften Ritualmordlegenden und andere antisemitische Thesen propagierte. So stellte er einen polemischen Bezug zwischen der Knabenbeschneidung und der angeblich von Juden verübten Münzverfälschung mittels Beschneidung der Münzränder her oder setzte eine Vorläuferthese der „Jüdischen Weltverschwörung“ in Umlauf, dass die Juden hinter dem Mongolensturm stünden, um das Christentum zu vernichten. Außerdem ist er Urheber einer frühen Form der Legende vom Ewigen Juden.[24]

aus Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden entnommen 20.12.2021

So erklärt Wikipedia den Antisemitismus (weiter AS). Ich habe mir die Frage gestellt, wie konnte sich der AS bis heute halten und wie müssen wir differenzieren zwischen dem modernen rassistisch-sozialdarwinistischen und dem alten rassistisch-religiösen Antisemitismus.

Zunächst möchte ich die beiden obenstehenden Begriffe erklären:

Gemeinsam ist beiden der Rassismus:

R. ist für mich die Ausgrenzung, Benachteiligung oder Verfolgung einer Gruppe von Menschen, weil deren körperliche (Hautfarbe, Blut, Geschlecht) oder geistige (häufig religiöse) Merkmale als Zeichen für zumeist „Böses“ oder andere Bewertungen angesehen werden. Diese Merkmale werden mit individuellen, persönlichen Eigenschaften der Gruppenmitglieder verbunden. Z.B. seien Schwarze sportlich oder Juden geldgierig und muslimische Migranten gewalttätig (Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD bezeichnete muslimische junge Männer als Messermänner in einer Bundestagsrede). Die Gruppenzugehörigkeit hat man angeblich von Geburt an.

Der moderne rassistisch-sozialdarwinistische AS

Dieser AS beruht auf einer pseudowissenschaftlichen Theorie, die sich auf Darwins Theorie „Von der Entstehung der Arten“ beruft. Nach dieser setzt sich diejenige Spezies eines Lebewesens durch, die sich am besten an die Umwelt anpasst. So überlebt ein weißer Hase im Schnee besser als ein brauner Hase. Im Hochgebirge gibt es demnach keine braunen Hasen. Die Sozialdarwinisten begehen nun den Fehler,  die Anpassung in einen Überlebenskampf innerhalb der Spezies Mensch umzudeuten. Die braunen Hasen werden aber vom Adler, einer anderen Spezies, geholt. Sie bekämpfen sich nicht gegenseitig. Dazu verbinden die Sozialdarwinisten äußere Merkmale mit geistig-kulturellen Merkmalen. Die sogenannten Rassen[i] würden in einem Überlebenskampf untereinander stehen (z.B. Juden und Arier, muslimische Migranten und christliche Europäer). Es gibt aber keine Menschenrassen, sondern nur unterschiedliche Ethnien, Menschen, die aus unterschiedlichen Gegenden kommen und die sich von ihren Genen her nicht wesentlich unterscheiden, vor allem kann man aus dieser Verschiedenheit keine unterschied-lichen Fähigkeiten ableiten, denn Gene bilden nur Anlagen, die jeder individuell zu Fähigkeiten entwickelt. Diese Vorstellungen begründeten auch die Shoa, die aus diesen Kampfvorstellungen heraus zur Ermordung von c.a. 6 Millionen Menschen führte.

Der rassistisch-religiöse AS

Dieser AS weist den Juden bestimmte negative Eigenschaften und Handlungsweisen zu (z.B Brunnenvergiftung, Hostienschändung…), begründet wird dies mit dem angeblichen Hass der Juden auf die Christen. Häufig werden die Juden Christusmörder genannt, dass Jesus selbst Jude war, erwähnen sie nicht. Dieser AS führte zu zahlreichen Pogromen gegen Juden z.B. im Zusammenhang des 1. Kreuzzugs 1096. Aufgehetzte Teilnehmer des Volkskreuzzuges, der dem Hauptzug voranging und in Ungarn aufgerieben wurde, ermordeten Juden in vielen deutschen Städten, vor allem in Mainz, Worms und Speyer, den wichtigsten jüdischen Gemeinden damals. Der Hass der Mehrheitsgesellschaft traf auch andere Gruppen wie angebliche Hexen oder vermeintliche Ketzer, Christen, die nicht der Amtskirche folgen wollten.

Beiden Formen des AS ist somit gemeinsam, dass Juden ausgegrenzt, verfolgt und ermordet werden. Begründet wird dies anhand von rassistisch begründeten Eigenschaften, die den Juden allgemein zugesprochen werden. Dies geschieht so schon im Mittelalter, getaufte Juden hätten ihr „Blut“ nicht verleugnen können. Deshalb wurden viele ermordet. Allein die Begründung ändert sich. Früher sah man die fremde, andersartige Religion. In der Moderne sind und waren es die anderen, fremden Gene.

Fremdenfeindlichkeit

Fremdenfeindlichkeit oder Xenophobie (von griechisch ξενοφοβία „Furcht vor dem Fremden“, von ξένος xénos „fremd“, „Fremder“, und φοβία phobía „Flucht, Furcht, Schrecken“) ist eine Einstellung, die Menschen aus einem anderen Kulturareal, aus einem anderen Volk, aus einer anderen Region oder aus einer anderen Gemeinde aggressiv ablehnt. Begründet wird die Ablehnung mit sozialenreligiösenökonomischenkulturellen oder sprachlichen Unterschieden. In diesen Unterschieden wird eine Bedrohung gesehen. Fremdenfeindlichkeit ist oft eine Erscheinungsform von NationalismusRassismus oder Regionalismus. Sie fördert die Ungleichbehandlung und Benachteiligung von Fremden in der Gesellschaft.

aus Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Fremdenfeindlichkeit, entnommen 2.1.2022

Diese Fremdenfeindlichkeit wird häufig erklärt mit der Angst vor Bedrohung und Unterwerfung oder der Konkurrenz um Ressourcen. Sie wird von Sozialdarwinisten als naturgegeben angesehen, ist aber eindeutig kulturell oder gesellschaftlich bedingt. Es entsteht bei Fremdenfeinden ein Angstgefühl, das häufig in Gewalt umschlägt und vernünftigen, realistischen Argumenten nicht zugänglich ist. (So bilden Migranten in den ostdeutschen Bundesländern eine verschwindende Minderheit, sie werden aber als Bedrohung oder bedeutende Konkurrenz wahrgenommen und bekämpft.) M.E. ist die heutige Fremden-feindlichkeit stark durch soziale Ungerechtigkeiten und die Vernachlässigung ganzer Gebiete in der BRD gekennzeichnet, so wenden sich viele gegen Fremde und gehen oft gewalttätig gegen diese vor. (Pegida, AfD)


[i] Der Begriff Rasse gilt aufgrund der willkürlichen Auswahl von Eigenschaften heute als überholt. In Bezug auf Zuchttiere ist das Wort korrekt. In Bezug auf Menschen werden stattdessen die Wörter Volksgruppe und Ethnie gebraucht.

9. Die Situation von Juden und Christen in Baden im 19. und 20. Jahrhundert

aus: Heiko Haumann, Wege zur Geschichte der Juden am Oberrhein, in: Hrsg. Manfred Bosch, Alemannisches Judentum, Eggingen 2001, S. 511, Endingen befindet sich in der Nähe von Waldshut (Hochrhein) in der Schweiz.

Die Situation der Juden in Baden zur Zeit der Revolution von 1848/49

Die folgenden Materialien habe ich der Website der Hochschule für jüdische Studien, Heidelberg, Lehrstuhl für Geschichte des jüdischen Volkes entnommen. (http://www.hfjs.eu/md/hfjs/juedische_emanzipation/unterrichtseinheit_gewalt_1848.pdf#pag)

Ein Beispiel: Schmieheim nach der Revolution von 1848/49

„Was hätten sich die Christen wohl erlaubt, wenn das Verhältnis nicht paritätisch (zu gleichen Teilen, Anmerkung Weissberger) gewesen wäre? So schützte die Israeliten ihre große Zahl vor Schlimmerem.“ (Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden, S.378)

Dieses Zitat aus dem nachstehenden Text verdeutlicht, dass in der Zeit, als in Deutschland viele für die Freiheit und eine liberale Demokratie kämpften, es für Juden immer noch gefährlich war, wenn sie sich emanzipieren wollten. Am Beispiel Schmieheims, einem Dorf ca. 20 Km von Waldkirch entfernt in der Nähe von Lahr, wird klar, wie der Boden beschaffen war, auf den die NS-Herrschaft aufbauen und auf dem sie ihre Mordtaten, den Genozid an den Juden, begehen konnten.

Man weiß nicht genau, wann die ersten Juden nach Schmieheim kamen, 1624 werden sie zum ersten Mal in der Dorfordnung erwähnt. 1839 lebten 439 Juden in Schmieheim, die höchste Zahl wurde 1864 mit 580 Menschen erreicht, damals stellten sie etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung in Schmieheim; solche Gemeinden wie Schmieheim wurden deshalb Judendörfer genannt. „Dort (in Südbaden) bestanden bis zum Jahr 1940 18 ländliche Siedlungen, Dörfer und Kleinstädte, in denen Juden und Christen seit langer Zeit zusammenwohnten, die sogenannten Judendörfer.“ (zerstörte Nachbarschaften, S.8)

Die Situation der Juden verbesserte sich zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die Judenemanzipation sollte den Juden die Gleichberechtigung als Staatsbürger bringen, aber ihre Gleichberechtigung als Bürger in der jeweiligen Gemeinde, in der sie lebten, wurde immer wieder in Frage gestellt. So gab es nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49 Petitionen, um diese Gleichberechtigung zu verhindern. In diesen Aktionen zeigt sich der latente AS in der Gesellschaft dieser Zeit.

Aus: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Schmieheim

Zum Begriff Schutzbürger: Juden waren Schutzbürger. Das heißt sie hatten nicht die vollen, gleichen Bürgerrechte in der jeweiligen Gemeinde. So konnte ihnen verboten werden, sich irgendwo anzusiedeln.

Aus: Hrsg. Historischer Verein für Mittelbaden, Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden, Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier, 1988, S.369ff

10. Vorurteile, Hass und Aktionen gegen Andersdenkende, Fremde, Migranten, Juden damals und heute

Im Bundestag 2018

Beispiel 1: Terror gegen Juden 1938 (am Tag nach der Reichspogromnacht)

Die folgenden Abschnitte sind dem Buch von Prof. Heiko Haumann entnommen, es zeigt sehr differenziert und klar auf, wie das Pogrom gegen die Familie Türkheimer ablief, welche Ursachen dazu führten, wie die Täter und die Bevölkerung in Elzach sich verhielten, welche Folgen das Ganze für die Familie Türkheimer hatte und wie erschreckend mangelhaft die Taten in der Nachkriegszeit geahndet und aufgearbeitet wurden.

[…]

aus: Heiko Haumann, Eine Judenaktion 1938, Elzach 2015

Beispiel 2: Terror gegen Fremdarbeiter, Migranten 1991/2 in Ostdeutschland

Gewaltexzesse in Ostdeutschland

Pogrome gegen Ausländer und Asylsuchende

Stand: 27. August 2021, 14:31 Uhr

Neben der meist spontanen Gewalt gab es in den neuen Bundesländern auch Beispiele für gruppendynamische Gewaltexzesse gegen Ausländer, die von Rechtsextremisten wie von bis dahin unauffälligen Bürgern verübt wurden.

Ausländische Asylbewerber fordern Verlegung von Hoyerswerda. Bildrechte: dpa Vorlesen

Neben der meist spontanen Gewalt, die Neonazis gegen alles richten, was ihrem Bild eines nationalsozialistischen Staates widerspricht, gab es in den neuen Bundesländern auch Beispiele für gruppendynamische Gewaltexzesse gegen Ausländer, die gleichsam von Rechtsextremisten wie von sogenannten normalen, bisher unauffälligen Bürgern verübt wurden. Aggressive Rechtsextreme erschienen hier wie Vollstrecker des Mehrheitswillens.

Hoyerswerda

Die völlig verängstigten Bewohner fordern von der Landesregierung Sachsen ihre Verlegung in eine andere Unterkunft, und zwar im Westen Deutschlands.

Der Gewaltexzess gegen Ausländer hat am 17. September 1991 seinen Ausgangspunkt. Rund zehn Neonazis attackieren auf dem Marktplatz von Hoyerswerda vietnamesische Händler, die in ihr Wohnheim flüchten. Danach ziehen Rechtsextremisten vor die Unterkunft und skandieren „Ausländer raus!“- und „Sieg Heil“-Parolen. Mit Molotowcocktails, Brandflaschen, Eisenkugeln und anderen Gegenständen attackieren sie die Anwohner. Die Ausschreitungen dauern bis zum 23. September 1991. Zu bestimmten Zeiten stehen bis zu 500 Personen vor dem Wohnheim und beteiligen sich unter dem Applaus vieler Nachbarn an den Übergriffen. Die Bilanz: über 30 Verletzte.

Rostock-Lichtenhagen

Am Abend des 22. August 1992 greifen hunderte rechtsradikale Jugendliche die Asylbewerber-Unterkunft in Rostock-Lichtenhagen an. Sie skandieren Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. 30 Polizisten, die sich den Angreifern entgegenstellen möchten, werden brutal zusammengeschlagen, während die Anwohner den Rechtsextremen Beifall klatschen. Für die Randalierer gibt es Bier und Schnaps. Neonazis aus den alten Bundesländern beteiligen sich an dem Pogrom und rekrutieren Mitglieder. Zum Höhepunkt der Auseinandersetzungen stehen rund 800 Polizeibeamte bis zu 1.000 rechtsextremen Gewalttätern und 2.000 Zuschauern gegenüber, die den Gewaltmob unterstützen. Die Bilanz: Knapp 100 Menschen entkommen nur knapp dem Flammentod.

aus: MdR-Zeitreise, https://www.mdr.de/geschichte/schwerpunkte/rechtsextremismus/rechtsextremismus190.html, entnommen 18.1.2022

Hintergrund Hoyerswerda

Unerwünschte NachbarInnen – Asylsuchende in Hoyerswerda

Wie in vielen ostdeutschen Städten wurden auch in Hoyerswerda nach dem Ende der DDR erstmals Asylsuchende aufgenommen. Ihre Unterkunft befand sich in einem Plattenbaublock in der Thomas-Müntzer-Straße, der vormals als ArbeiterInnenwohnheim gedient hatte. Die Überbelegung des Gebäudes und ein mangelnder Austausch mit der umliegenden Bevölkerung förderten von Beginn an ein von Vorurteilen geprägtes Klima gegenüber den Neuankömmlingen. Durch den allgemeinen Anstieg der Flüchtlingszahlen in der Bundesrepublik auf Grund des Jugoslawienkrieges sowie der damit einhergehenden Negativberichterstattung in den Medien wurden die bestehenden Spannungen zwischen Einheimischen und Asylsuchenden weiter befeuert.

Aufnahme von Asylsuchenden in Hoyerswerda

Wie Recherchen von Christian Wowtscherk zeigen, war erst im Laufe des Herbstes 1990 öffentlich bekannt gegeben worden, dass ab Ende des Jahres Asylsuchende in Hoyerswerda untergebracht werden sollten. Schätzungen der Ausländerbehörde zufolge gingen die Verantwortlichen zunächst von einer Gesamtzahl von etwa 850 Personen aus. […] Da Schwierigkeiten bei der Ausstattung der Unterkunft auftraten, bat die Stadt um Sachspenden aus der Bevölkerung, die auf eine positive Resonanz stießen. Außerdem entstand ein Kreis von freiwilligen UnterstützerInnen um den Superintendenten Friedhart Vogel, der einer drohenden Überforderung der zuständigen Behörden entgegenwirken wollte. […]

Letztlich kamen im Verlauf des Jahres 1991 lediglich um die 250 Personen nach Hoyerswerda, die jedoch aus über 20 verschiedenen Nationen stammten. Bei ihrer Unterbringung wurden die Ankommenden nach ihrer Hautfarbe getrennt, eine Berücksichtigung von ethnischen oder religiösen Differenzen fand hingegen nicht statt. Auch familiäre Beziehungen spielten bei der Zuteilung der Wohnräume keine Rolle. Aufgrund der Beschaffenheit des Gebäudes und der konzentrierten Belegung ist davon auszugehen, dass sich im Durchschnitt 12 bis 16 Personen jeweils eine Vierraumwohnung teilen mussten.

[…] Den in der Rundschau wiedergegebenen Äußerungen der damalige Leiterin der Ausländerbehörde Carola Hypko zufolge, habe es bis zum September 1991 „im Heim keine schwerwiegenden Probleme im Zusammenleben verschiedener Völkerschaften und Religionen gegeben.“ Die 20 Kinder der BewohnerInnen hätten auf Grund ihrer Lernfortschritte bezüglich der deutschen Sprache ohne weiteres in den regulären Schulbetrieb übernommen werden können, was jedoch an fehlenden Regelungen des Sächsischen Schulgesetzes scheiterte. Zudem hätten laut Hypko bereits Angebote vorgelegen, um Asylsuchende „im Vereinsleben zu integrieren.“

Reaktionen in der Stadt

Trotz des positiven Engagements einzelner BürgerInnen herrschte schon vor dem Zeitpunkt der Aufnahme von Asylsuchenden ein stark ausländerfeindlich geprägtes Klima in Hoyerswerda. Wie die organisierten Angriffe von Neonazis und rechten Jugendlichen auf Vertragsarbeiter am 1.Mai und 3.Oktober 1990 gezeigt hatten, sank auch die Hemmschwelle gegenüber gewalttätigen Aktionen, ohne dass es zu nennenswerten Protesten aus der Bevölkerung kam. Durch die gleichzeitige Etablierung und Duldung der Bürgerwehr „Neue Deutsche Ordnung“ zeichnete sich ab, dass Rechtsradikale von zahlreichen BürgerInnen als sozialer Ordnungsfaktor in unsicheren Zeiten wahrgenommen wurden.

Die Ankommenden galten hingegen vor allem als KonkurrentInnen um die knapper werdenden sozialen und finanziellen Ressourcen in der Stadt. Wie Carola Hypko im Oktober 1991 gegenüber der Stadtverordnetenversammlung berichtete, waren zwei Vorurteile gegenüber den Asylsuchenden besonders wirkmächtig. Zum einen hielt sich das Gerücht, dass jene überaus umfangreiche finanzielle Zuwendungen genossen, obwohl, mit Ausnahme von 520 D-Mark „Taschengeld“ pro Jahr, nahezu alle geltenden Ansprüche in Form von Sachleistungen erbracht wurden. Zum anderen war kolportiert worden, dass durch ihre Unterbringung in der Thomas-Müntzer-Straße dringend benötigter Wohnraum für die einheimische Bevölkerung besetzt worden wäre, was schon auf Grund der vorhergehenden Nutzung des Gebäudes als Wohnheim für VertragsarbeiterInnen nicht den Tatsachen entsprach.

Da die Aufnahme der Asylsuchenden auf so wenig Verständnis stieß, informierte das Landratsamt die Öffentlichkeit in einer durch lokale Medien verbreiteten Mitteilung vom 04.04.1991 über den damaligen Sachstand. Neben einem Eingeständnis der mangelnden Erfahrung bezüglich der Unterbringung bekräftigte der Landrat die Absicht, die Situation für alle Parteien zufriedenstellend zu lösen und dabei auch auf die Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zu setzen. Um die Sicherheit der HeimbewohnerInnen zu gewährleisten und die angespannte Stimmung nicht weiter anzuheizen, wurde in dem Schreiben darum gebeten, auf eine „über die Erklärung hinausgehende Berichterstattung“ zu verzichten.

Probleme in der Nachbarschaft

In den Sommermonaten des Jahres 1991 häuften sich Beschwerden von AnwohnerInnen über nächtliche Ruhestörungen, die von den BewohnerInnen der Unterkunft ausgingen. Anhand der Eintragungen eines Dienstbuches der BetreuerInnen, von denen seit Juli jeweils eine Person auch zur Nachtschicht am Wohnheim eingesetzt wurde, beschreibt Wowtscherk einzelne Vorfälle. So kam es tatsächlich zu mehreren Zwischenfällen, bei denen sich etwa einzelne BewohnerInnen lautstark unterhielten und auf Grund von AnwohnerInnenbeschwerden eingeschritten werden musste. Außerdem wurden wiederholt Abfälle und Möbelteile aus den Fenstern des Gebäudes geworfen. Auch zwischen den Asylsuchenden entstanden hin und wieder Konflikte. Allerdings gab es ebenso Beschwerden, die sich gegen die BewohnerInnen richteten, obwohl diese den beanstandeten Lärm nicht verursacht hatten. Gleichzeitig beschwerten diese sich ebenfalls, wenn etwa deutsche AnwohnerInnen zu später Stunde feierten. Zudem finden sich Eintragungen, die von Bedrohungen und Angriffen gegenüber den Asylsuchenden berichten. So wurde am 18.07.1991 beobachtet, wie Jugendliche versuchten, einen Brandanschlag auf das Gebäude zu verüben.

Ebenfalls im Juli 1991 kam es laut einem Bericht der Sächsischen Zeitung vom 09.11.1991 in der Unterkunft zur Vergewaltigung einer Minderjährigen aus Berlin durch drei Rumänen im Beisein weiterer Bewohner. Alarmiert von den Schreien des Mädchens verständigten AnwohnerInnen die Polizei, die zwei Verdächtige festnehmen konnte. Dieser Vorfall, sowie Artikel über die Beschwerden der NachbarInnen und Berichte von Polizeiaktionen gegen vietnamesische Zigarettenhändler verstärkten die negative Haltung gegenüber den Asylsuchenden massiv. Wowtscherk bemerkt in diesem Kontext: „Bedenkt man, dass in den Zeitungen keine Berichte und Reportagen über die Asylbewerber zu lesen waren, sondern Ausländer nur in den veröffentlichten Polizeiberichten erwähnt wurden, verzerrte dies die Wahrnehmung (…) durch die Hoyerwerdaer Bürger. Denn in einer Situation, als die Hoyerswerdaer eigene Existenzängste verarbeiten mussten, bedurfte es einer Aufklärung, warum die Stadt zusätzlich Hilfbedürftige aufnehmen muss. Doch die Medien klärten die Einwohner nicht über die komplexen Zusammenhänge auf. Ausländer erschienen in der Presse stattdessen als Schmuggler und Sittenverbrecher, als Kriminelle.“

Bürgerforum als verspäteter Lösungsversuch

Nachdem sich zahlreiche AnwohnerInnen in einem offenen Brief über eine Minderung ihrer Wohnqualität durch eine dauerhafte Lärmbelästigung beschwert hatten und beanstandeten, dass ihren Forderungen nach Mietminderung auf Grund des angrenzenden Wohnheims für Asylsuchende nicht nachgegeben wurde, berief der amtierende Bürgermeister Klaus Naumann am 27.08.1991 eine EinwohnerInnenversammlung zur Klärung der Lage ein. Mehr als 300 Personen besuchten die Veranstaltung. Bis auf die Teilnahme eines afrikanischen Betreuers, der um Verständnis warb und sich für die Belange der HeimbewohnerInnen einzusetzen versuchte, ist über eine Einladung oder Anwesenheit von Asylsuchenden nichts bekannt. In einem Interview mit dem Soziologen Detlef Pollack äußerte Naumann, der die Versammlung leitete, „in dem Saal habe eine aufgeheizte Stimmung (…) geherrscht.“ Auch die Sächsische Zeitung berichtete in einem entsprechenden Beitrag vom 05.09.1991 von der Schwierigkeit, „die Diskussion in sachliche Bahnen zu lenken, um praktische Lösungen zu finden.“

Zu den bisherigen Beschwerden kamen nun u.a. auch Unmutsäußerungen über Bettelei und das „Wühlen in (…) Mülltonnen“ seitens der Asylsuchenden, die ebenfalls von den Lokalmedien aufgegriffen wurden. Trotz der aufgebrachten Stimmung, Aufrufen zum eigenmächtigen Handeln der AnwohnerInnen und der einhelligen Forderung nach einer Schließung des Wohnheims, waren die Verantwortlichen weiter um eine Lösung des Konfliktes bemüht. Laut dem Artikel der SZ empfahl etwa ein „anwesender Vertreter des Kreistages (…) die Bildung eines Heimbeirates mit Anwohnern und Heimbewohnern sowie den Einsatz von zwei Betreuern bei Nacht. (…) Bürgermeister Neumann versprach die anstehenden Probleme der Ordnung und Sicherheit mit den zuständigen Stellen zu klären, weiter nach geeigneteren Unterkünften für Asylbewerber zu suchen und beraumte in vier Wochen einen erneuten Termin zum Thema an.“

Ein Artikel im Hoyerswerdaer Wochenblatt vom 30.08.1991 interpretierte die Lage im Nachgang der Veranstaltung bereits ganz im Sinne derjenigen, die an einer weiteren Eskalation interessiert schienen. Unter den Überschriften „Wohnheim muß weg“ und „Vier-Wochen-Frist“ war dort zu lesen: „Die Behörden sollten zweifellos schnellstens die Situation in den Griff bekommen. Sonst tun dies vielleicht andere. Erste rechtsradikale Meinungsäußerungen wurden bereits laut.“ Als drei Wochen später die Angriffe auf die Unterkunft begannen, trat die Machtlosigkeit sowie eine mangelnde Verantwortungsbereitschaft zuständiger Akteure schließlich offen zu Tage. Heimleiter Werner Trautmann, der dem Treiben aus sicherer Entfernung beiwohnte, wurde in der Frankfurter Rundschau vom 25.09.1991 mit den Worten zitiert: es müsse ja „niemand wissen, daß ich hier arbeite. Sonst gelte ich noch als Negerfreund.“ Nachdem die Asylsuchenden schließlich aus der Stadt evakuiert worden waren, druckte das Hoyerswerdaer Wochenblatt am 08.10.1991 ein skurril anmutendes Schreiben der „Mieter der Thomas-Müntzer-Straße 18“ ab. Darin wurden die Bemühungen der Wohnungsgesellschaft, „uns das Wohnen in dieser Umgebung zu erleichtern“, anerkannt und gewürdigt. Jetzt, wo die unerwünschten NachbarInnen fort waren, schien die Angelegenheit erledigt.

aus: Initiative Pogrom 91, https://www.hoyerswerda-1991.de/1991/nachbarschaft.html, entnommen am 18.1.2022

10. Ein Appell des Auschwitzüberlebenden Werner Reich

Für Zivilcourage, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit

In seinen Abschlussworten bei seinem Vortrag an unserem Gymnasium appelliert Werner Reich eindringlich an uns, nicht zu schweigen, wenn Menschen vor unserer Türe stehen, sondern diese einzulassen. Für uns ist das der klare Auftrag, gegen die Hassprediger der AfD und anderer rechtsextremen Gruppen Stellung zu beziehen und gegen die Unmenschlichkeit gegenüber Geflüchteten an den Grenzen unseres Landes oder Europas zu protestieren. Die Zustände z.B. in Kara Tepe, dem Nachfolgelager von Moria, auf der griechischen Insel Lesbos, an der polnisch-weißrussischen Grenze oder anderswo müssen beendet werden.

12. Informations- und Arbeitsblätter für den Unterricht

Ich habe hier Inhalte aus dieser Website zu Arbeitsblättern für den Unterricht zusammengestellt. Jeder kann sie gerne herunterladen und ausdrucken.

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